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Null Toleranz in Stahl

Marketing scheint heute unerlässlich.
Hochglanz-Prospekte oder schrille Intenetauftritte machen neugierig, die Versprechungen überzeugen.
Bis endlich das Produkt in den Händen gehalten werden kann, ist jede Menge Kopfkino abgelaufen. Dann ist der Film leider oft genug zu Ende – und es bleibt ein schales „Na, ja…“-Gefühl zurück.

Dann gibt es zum Glück noch Dinge, die sind da. Einfach so. Ohne markige Werbesprüche. Ergreift man solch ein Ding, springt etwas über: Das unbedingte Gefühl, etwas besonderes in Händen zu halten. Aus dem Nähkästchen: Andy Holden drückte dem VISIER-Redakteur die Waffe in die Hand. Einfach so. Keine
Sprüche, nicht mal Erklärungen. Das Gefühl, welches diese Pistole beim ersten Zugreifen vermittelte lässt sich nur mit dem Begriff Inert, im Sinne von fest oder unbeweglich, umschreiben.

Aber – sie bewegt sich doch! Nur ausschließlich in die zur Schußabgabe erforderlichen Richtungen. Ansonsten: keinerlei, auch unter Kraftanstrengung, Seiten- oder Höhenspiel des leeren Verschlusses auf
dem Griffstück. Das können prinzipiell auch einige andere Hersteller, sicher.
Aber auch eine Mündungshülse, neudeutsch Bushing, welches saugend auf den Lauf geschoben der Schwerkraft trotzt, und selbst bei 90° nach unten gehaltener Mündung nicht abfällt – bei schon häufiger geschossener Waffe?
Diese extrem sensible Passung lässt sich nicht weiter reduzieren, sonst wären bei warmen Lauf Klemmer die Folge. Auch sämtliche anderen, miteinander korrespondierenden Teile zeigen ihre Spaltmaße nur im Minimalbereich.

Bis ins Detail
Andy Holden fertigt nicht nur die wesentlichen Waffenteile, sondern auch fast sämtliche Kleinteile selbst. So sitzt der Unterbrecher wie die Handballensicherung völlig spielfrei im Griffstück, und so überzeugt der Laufhaltehebel durch feine, muldenförmige Ausfräsungen, die einerseits einen definierten, festen Sitz, andererseits ein gegen den Federdruck der Sicherungsstange leichtes Einsetzen ermöglichen.

Der Hintergedanke: Wer nicht selbst fertigt, muss meist die Toleranzen der Zukaufteile übernehmen, oder sehr hohe Stückzahlen beauftragen. Wer extrem geringe Toleranzen bei allen Funktionsteilen fahren will, kann dies in kleinen Serien nur durch Eigenfertigung realisieren.
Was nicht aus eigener Fertigung stammt ist recht überschaubar: Da sind einmal die Buchsen samt Griffschalenschrauben und die Griffschalen. Diese höchst individuellen Teile werden sowieso meist getauscht, daher finden bei Andy Holden sehr teure Griffe aus edlen Hölzern erst mal nicht statt – bis der Kunde es wünscht. Auch das Magazin stammt von einem, jedoch renommierten, Zulieferer.

Die meisten Störungen bei Selbstladewaffen verursacht deren Magazin. Auf die jahrzehntelang bewährten Mec-Gar-Magazine zu setzen ist sicher richtig.
Eine Blechpräge-Einrichtung und die nötige Federherstellung zur Eigenfertigung von Magazinen lohnt sich erst bei sechsstelligen Stückzahlen – für einen Magazintyp. Die Schließ- und Schlagfedern werden dazugekauft, wie auch die Visierung. Diese, von LPA bezogen, lässt keinen Wunsch offen. Robust,
wiederholgenau und vor allem mit dem unter Federdruck stehenden Kimmenblatt, das deswegen auch bei totem Gang der Stellschraube nicht im Schuß mal hierhin, mal dorthin springt.

Wünsch dir was …
Das Griffstück der VISIER-Testwaffe hat einen sehr prominenten Fingerhaken. Der passte diesem oder jenem Redakteur, aber längst nicht allen – macht aber nix. Die Holden 1911 gibt es auch ohne diese kecke Nase. Und dieses Duo-Tone Finish? Ist so etwas überhaupt noch modern? Wer lieber mit der Mode geht, und diese Farbkombination wirklich als Netzhautpeitsche empfindet, bestellt die Pistole eben komplett
schwarz brüniert. Alternativ vielleicht mit einer komplett silbrig glänzenden Oberflächenbeschichtung.

Oder mit einem schwarzem Griffstück und – aber lassen wir das. Die Testwaffe hat keinen doppelseitigen Sicherungsflügel. Der war allerdings auch nicht gewünscht. Wer möchte, bekommt ihn doppelseitig.
Der Begriff „Custom“ ist bei Andy Holden keine Worthülse. Was machbar ist, wird auch umgesetzt, egal, ob es sich um spezielle Durchbrüche zur Gewichtsminderung im Verschluss, oder bestimmte Bedienelemente handelt, im Zweifelsfall dauert es nur etwas länger, bis die Wunschwaffe fertig ist. Die könnte auch so aussehen wie die „Mayumi“ aus dem Firmenportait, als LDC-Variante.

Dieses Kürzel steht für „Long Dust Cover“ und meint das bis zur Mündung durchgezogene Federstangengehäuse. Dadurch wird die Pistole nochmals deutlich lauflastiger, deutlich schwerer –
aber auch deutlich teurer…

Achtung: Vor solchen Wünschen sollte erst die Prüfung des Maximalgewichts im jeweiligen Schießsport-Verband stehen. So erlaubt der BDS (Bund Deutscher Sportschützen)
unabhängig von den zugelassenen Lauflängen nur 1400 Gramm Maximalgewicht für eine Pistole .45 ACP,
der DSB (Deutscher Schützenbund) hingegen macht erst bei 1500 Gramm dicht.

Auf dem Schießstand
1250 Gramm. Nein, das ist nicht das Waffengewicht, sondern der – subjektiv viel geringere – Abzugswiderstand. Mehr, beziehungsweise weniger sollte auch nicht bestellt werden, denn im Laufe der Zeit, oder nach einigen tausend Zyklen, reduziert sich der Abzugswiderstand etwas, rund 100 Gramm weniger als bei der Auslieferung sind die Regel. Mit dem von Holden voreingestellten Widerstand liegt der Schütze auch nach Jahren des Gebrauchs noch knapp an, aber sicher über dem von einigen Verbänden geforderten Mindestwiderstand von 1000 Gramm. Aus der Hand geschossen, reagiert die Holden 1911 6“ wie jede andere, lange 1911er auch. Das bei den leichten Geschosstypen eher träge Nicken der Mündung dieser rund 1300 Gramm schweren Waffe lässt sich auch in zügig geschossenen Disziplinen leicht beherrschen. Statt der 5“ – Länge empfiehlt sich die einen Zoll längere Version, nicht nur für die statischen 25-Meter-Disziplinen. Neben dem Vorteil der längeren Visierlinie punktet die zusätzliche Masse in den schnellen Zeitserien, die im BDS bei fünf Schuß innerhalb 10 Sekunden enden.

Auffälligkeiten vermerkten die Tester beim Schießen aus der Hand lediglich einen unglaublich konstanten Hülsenauswurf. So regelmäßig wie die Geschosse in der Scheibenmitte, landeten die Hülsen in einem rund zwei Meter vom Schützen entfernt aufgestellten Eimer. Spaß gehabt, zählt aber nur in der Qualitäts-,
und nicht in der Ringwertung. Auch aus der Schießmaschine gab es keinerlei Störungen. Mit der gegebenen Schließfeder scheint die Pistole auf leichtere Geschosstypen geeicht. Andererseits können Gruppen um 50 Millimeter kaum als schlecht bezeichnet werden, und der Durchschnittsstreukreis aller Laborierungen hat nur knapp 38 Millimeter.
Eine Gruppe von der selbst laborierten Munition, die umschlossen rund 30 Millimeter misst, ohne Absetzer, reizte zum Nachschießen – könnte ja ein Glücksergebnis gewesen sein. War es aber nicht,
die nachgeschossene Gruppe misst umschlossen nur 26 Millimeter. Von Schußlochmitte zu -mitte gemessen, also nur 15 Millimeter! Tief durchatmen …

Fazit:
Die (Basis)Holden 1911 6“ kostet eine Stange Geld, ist aber jeden Cent wert. Insbesondere, wenn die enorm hohe Fertigungstiefe, die Minimaltoleranzen und die Akribie der Baugruppen im Detail
goutiert wird. Dazu können vor Ort auch verschiedene Ausstattungsmerkmale festgelegt werden, und der hauseigene Schießstand lässt eine Fühlungnahme mit diesen Modellen zu.

Vielleicht, ob ein Fingerhaken nun zur Hand des Schützen passt oder nicht…


Text: Robert Riegel
Die Testwaffe stellte Holden Custom
Guns (www.holden.de), vielen Dank!